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Montag, 31. März 2025

Berühre mich. Nicht



Berühre mich. Nicht | Laura Kneidl | Lyx Verlag | 14,00 € | 978-3736305274 | 464 Seiten




Als Sage in Nevada ankommt, besitzt sie nichts - kein Geld, keine Wohnung, keine Freunde. Nichts außer dem eisernen Willen, neu zu beginnen und das, was zu Hause geschehen ist, zu vergessen. Das ist allerdings schwer, wenn einen die Erinnerungen auf jedem Schritt begleiten und die Angst immer wieder über einen hereinbricht. So auch, als Sage ihren Job in einer Bibliothek antritt und dort auf Luca trifft. Mit seinen stechend grauen Augen und seinen Tätowierungen steht er für alles, wovor Sage sich fürchtet. Doch Luca ist nicht der, der er auf den ersten Blick zu sein scheint. Und als es Sage gelingt, hinter seine Fassade zu blicken, lässt das ihr Herz gefährlich schneller schlagen ...





Das Buch „Berühre mich. Nicht“ lag sehr lange auf meinem Stapel der Schande. Ich hab es endlich geschafft zu lesen und bei knapp der Hälfte abgebrochen.
Das Buch klang so vielversprechend und hat mich auf vielen Ebenen einfach nur enttäuscht zurück gelassen.

Sage als Charakter ist so farblos und blass, dass Alpina Weiß dagegen eine Neon-Farbe ist. Als Leser erfahren wir nicht wirklich was über sie. Größe und Haarfarbe. Aha…sonst irgendwelche Merkmale? Hat sie Sommersprossen? Vielleicht eine Narbe? Ist sie sportlich? Wiegt sie etwas mehr? Nein, keine Beschreibung? Okay, also ein Charakter ohne nähere äußere Beschreibung.
Dafür wird der männliche Protagonist in allen Einzelheiten beschrieben, aber auch er blieb als Charakter ohne nähere Tiefe, so dass ich hier nicht das Gefühl hatte, er ist ein spannender Gegenpol.

Sage als Protagonistin ist an vielen Stellen naiv. Ihre Geschichte berührt mich nicht. Es fehlt an Spannung, Wendungen, Charakterentwicklung, Humor und Empathie zu ihr. 
Viele Gedanken und Emotionen gingen verloren und sie drehte sich oft im Kreis, wiederholte sich und schien in ihrer Trauer-Bubble bleiben zu wollen.
Immerhin geht sie zu einer Therapie, was wohl zeigt, dass sie auch etwas verändern möchte. Aber auch hier lief es für meinen Geschmack zu glatt ab.

Was passierte nach dem Kontakt mit der Psychologin? Ein Anruf und sie hat einen Termin? In was für einer Welt lebt Sage? Keine Warteliste?
Wie hat sie sich nach dem Termin gefühlt?
War es befreiend?
Fühlt sie sich ängstlich?
Was passiert mit dem Charakter? Was geht in ihr vor?

Dazu kommen weitere Logikfehler, die das ganze auch unglaubwürdig gemacht haben. Kein Therapeut durchschaut jemanden nach einer Sitzung und geht direkt das große Thema an. Man arbeitet sich zum Trauma Stück für Stück vor und lernt sich kennen, bespricht aktuelle Situationen, Gefühle und was einen dorthin treibt. In der ersten Sitzung gibt es eine erste Anamnese, aber nicht direkt das Kernproblem.

Ein weiteres Thema war ihre Wohnsituation. Sie lebt in einem Bus und hat keine Adresse. Aber jeder scheint es hinzunehmen, dass ihre alte Adresse dann als Angabe reicht und scheinbar nicht mehr richtig ist. 
Sage bekommt wegen jeder Kleinigkeit, die das alltägliche Leben bringt sofort Panik, was es unglaublich schwer macht nicht genervt mit den Augen zu rollen und sich zu fragen, ob schon das aufstehen zu viel für sie ist. Gleichzeitig lebt sie aber in einem Bus, der alles andere als sicher ist und wo ihr mehr passieren kann, als in einer Gemeinschaftsdusche. 

Immer wieder dreht es sich auch darum, dass sie dringend ganz viel Geld braucht. Auch das war auf Dauer etwas nervig zu lesen. 
Dazu leiht sie sich Geld und nutzt die geschenkte Wohnsituation komplett aus, als wäre das schon immer ihr zu Hause, benutzt die Sachen der anderen einfach mit, ohne zu Fragen. Man reiche ihr den kleinen Finger und sie nimmt den ganzen Arm. 

Die vielen schöneren Umstände, dass es bergauf geht, häufen sich auch, dass es einfach nur für die Handlung bergauf ging. 

Nachdem sie so Probleme mit Menschen hat, trifft sie aber dann nur Leute, die nett und sympathisch sind. Das halte ich für absoluten Käse. Menschen sind nicht durchweg nett und sympathisch. Es gibt immer Menschen, die man nicht leiden kann, böse gucken oder oder oder...

Ihre erste sexuelle Handlung ist, nachdem sie Nötigung/Missbrauch erfahren, Panikattacken und Ängste hat, sehr unglaubwürdig. 
Hat die Autorin vergessen, dass Sage Probleme hat? Oder konnte sie dem Kerl jetzt doch mal vertrauen und sich fallen lassen? 
Die Handlungsweise passte nicht zu ihrer Hintergrundgeschichte und den vielen Ängsten. 
Die erotischen Szenen ließen mich kalt zurück und haben keine Emotion hervor gerufen. 

Mir fehlt in dem Buch auch eine Triggerwarnung, dass es hier um Missbrauch geht. Der Umgang mit dem Thema ist in meinen Augen nicht gut umgesetzt worden.
Für mich kommt nicht rüber, dass sich Hilfe zu suchen mehr als in Ordnung ist und es nichts ist, wofür man sich schämen sollte. Denn das wird Sage nicht müde zu erwähnen und den Besuch beim Therapeuten zu verheimlichen. 
Dazu ist es nicht nachvollziehbar, wann diese Panikmomente einsetzen. Das hat es erschwert mit ihr mitzufühlen und Verständnis aufzubringen. Es schien willkürlich zu sein und kein Muster zu haben. 
Das Thema des Buches ist hochsensibel und wird hier nicht gut umgesetzt.

Mir ist bewusst, dass das Buch von einem Neuanfang erzählt, von Trauma und Missbrauch und dass auch etwas Gutes passieren muss. Aber ich habe dieses Buch in keinster Weise gefühlt. Es war für mich kein Balsam für die Seele und nicht das Gefühl, dass es etwas fürs Herz ist. 

Der Schreibstil war gut, leicht zu lesen und daher hab ich mir mehr von der Story erhofft, als ich bekommen habe. 
Die Autorin hat hier für mich keine Tiefe eingebracht und mich eher gelangweilt, statt mich zu fesseln.

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